Helmut Rizzolli
Die Wiederbelebung der in Vergessenheit geratenen Tracht von Graun

Die Zusammengehörigkeit der Trachtenlandschaft von Laatsch der Etsch aufwärts bis zur Finstermünz ist auch durch die Dialektgeografie zu belegen. Eine volkskundliche Untersuchung auf die heutige Staatsgrenze zu beziehen ist deswegen unzulässig, weil der Reschen in alten Zeiten weder Sitz einer Zollstätte noch eine kirchliche Grenze darstellte. Die ehemalige Gemeinde Graun gehörte zum Landgericht Nauders, das seinen Sitz in der Burg Naudersberg hatte und auch die Gemeinde Pfunds einschloss.
Für die Männer war im gesamten Gerichtsbereich ein kragenloser grüner Rock (Hemat) mit hellgrünen Einfaßbändern oder ein rotes Hemat mit grünem Einfaß und rundem Halsauschnitt ortstypisch.
Als Ende des Jahres 2008 eine neue Schützenkompanie in Graun gegründet wurde, stellte sich bald die Frage, ob es jemals eine eigene Grauner Tracht gegeben habe. Eine Antwort auf diese Frage konnte von der Arbeitsgruppe „Unsere Tracht“ unter dem Vorsitz des Verfassers gefunden werden. Eine bisher nicht beachtete Bildquelle zeigt einwandfrei, dass bei der bäuerlichen Kleidung der Männer in Graun eine kurze braune Jacke mit eingefasstem Faconkragen im Biedermeierstil um 1830 das alte Hemat ersetzt hatte.
Der frühe Volkskundler Karl von Lutterotti (1793-1872) dokumentierte in den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts die nach Landgerichten gruppierten Volkstrachten. Im Falle des Landgerichts Nauders zeigt von Lutterotti einen Mann mit schwarzem bandgeschmücktem Scheibenhut, der wie gesagt, daneben eine kurze braune Jacke mit Revers und Faconkragen trägt und dessen Herkunft von Lutterotti eigenhändig mit „Graun“ bezeichnete.
Typisch für die Grauner Joppe sind rechts und links an der Rockkante plazierte grüne Zierknöpfe. Um den Hals trägt der Mann einen schwarzen Flor. „Leibl“ ist auf der Abbildung keines erkennbar. Der Bauchgurt ist mit grünen Pergamentstreifen („Zirm“) verziert und mit einer großen Schließe versehen. Die anderen Kleidungsteile sind zum Teil wie die im übrigen Landgericht, und zwar eine bräunliche Lederbundhose mit grünen Strumpfbändern, ins violett schlagende Strümpfe und einfaches, flaches Schuhwerk.
Ausgehend von diesen historischen Vorlagen entwickelte die Arbeitsgruppe „Unsere Tracht“ ein Modell, das in Ausführung und Material der oben genannten Vorlage entspricht.
Hinzugefügt wurde ein rotes Lodenleibl, weil es anzunehmen ist, dass man in der kälteren Jahreszeit ein solches im Obervinschgauer Bereich getragen hat. Dies ist auch außerhalb von Graun mehrfach belegbar. Auf Wunsch der Schützenkompanie wurde der Hut mit einem Spielhahnstoß geschmückt, weil dies stets ein Zeichen zielsicherer Schützen und Jäger war.
Großer Wert wurde auf die handwerkliche Anfertigung, die qualitativ einwandtfreien Textilien, Filze und dem Wildleder für die Hose gelegt. Die fünf Marketenderinnen tragen die bekannte Obervinschgauer Festtagstracht.
Den jungen Idealisten um Hauptmann Chistian Eberhart ist es nicht nur gelungen in kürzester Zeit eine Schützenkompanie zu gründen sondern sie auch rechtzeitig zum Landesfestumzug des Jubiläumsjahres 2009 mit einer Tracht auszurüsten, die völlig in Vergessenheit geraten war.
Man kann nur vermuten warum von Lutterotti gerade in Graun eine andere Bekleidungssituation als im übrigen Gericht Nauders feststellen konnte. Verkehrsgeografisch war die Ortschaft mit den vielen Gasthäusern sicher eine obligate Einkehrstätte für all jene, die vom Oberinntal ins Etschtal reisten und den Reschen glücklich passiert hatten. Die Grauner Tracht weist in einigen Merkmalen Ähnlichkeiten zur Bekleidung im nächstgelegenen Landgericht Ried auf. Auch dort trug man eine kurze, mit Knöpfen versehene Jacke mit Faconkragen. An einer Hauptverkehrsader wie jener, die von der Finstermünz über den Arlberg in den Bodenseeraum bzw. ins Oberinntal und von dort nach Augsburg, München und Salzburg führte, war man für modische Neuerungen sicherlich aufgeschlossener als in abgeschlossenen Nebentälern wie zum Beispiel Langtaufers. Dort waren urtümliche „Bauernkittel“ d. h. kragenlose Mäntel aus selbstgefertigtem „Gespinst und Tuech“ üblich, wie sie nur mehr in wenigen Rückzugsgebieten wie Tux, Zillertal, Brandenberg oder dem Alpachertal vor 1850 getragen wurden.
Ein wichtiger Beleg für die Stichhaltigkeit der aquarellierten Federzeichnung von Lutterottis ist eine Votivtafel in der Wallfahrtskirche von Riffian. Sie zeigt die geglückte Flucht der Einheimischen vor den 1799 aus dem Münstertal und über Martinsbruck vorrückenden Franzosen. In der Nähe des Kapuzinerpaters Fructuosus Padöller (1764-1799) der sein Leben im Zuge dieses Franzoseneinfalls verlor, und nach dem die neugegründete Schützenkompanie ihren Namen trägt, erkennt man deutlich Schützen in kurzen Jacken, die denen in Graun entsprechen. Im Hintergrund des Votivbildes sieht man die um die Grauner Kirche gescharten Häuser. Das Votivbild wurde als Titelblatt des Raiffeisen-Kalenders „Obervinschgau zur Zeit der Tiroler Freiheitskämpfe“ im Gedenkjahr 2009 abgebildet.
Landesfestumzüge waren stets Anlässe für die Wiederbelebung von in Vergessenheit geratenen Trachten. Die meisten Teilnehmer am großartigen Umzug in Innsbruck trugen allgemein bekannte Trachten. Nicht so die Schützenkompanie Fructousus Padöller, die mit der wieder entdeckten Tracht auch ein Stück des im Stausee versunkenen Dorfes zu neuem Leben erweckt hat.

Abbildung 1: Karl von Lutterotti, kolorierte Federzeichnung um 1830: Männertracht von Graun (Tiroler Landesmuseum/Ferdinandeum, F. B. 11928/30). Abbildung 2: Die Schützenkompanie Graun in ihrer neuen Tracht.

 

 

 

"UNSERE TRACHT" in der Presse:

Dolomiten, 19./20. September 2009